Was können wir tun, wenn wir plötzlich Schrumpfen? #parts takeover NLP innere Anteile

Das kennt fast jeder…

Ein scheinbar harmloser Kommentar eines Kollegen, Kritik von der Chefin oder der vorwurfsvolle Blick des Ehepartners.. und plötzlich fühlen wir uns viel kleiner oder werden innerlich sehr wütend…

Machmal reagieren wir viel stärker, als wir eigentlich wollen. Und gerade in Konflikten ist das natürlich gar nicht hilfreich. Wenn wir plötzlich vom sachlichem Problem-Löse-Modus in hilflose Wut fallen und kaum noch einen klaren, erwachsenen, geschweige denn konstruktiven Gedanken fassen können.

Was passiert da? Und vor allem: Was kann man dann tun?

Schauen wir uns das an einem Beispiel an.

Sagen wir mal Paul Müller kommt am Montag in das Büro seines Chefs. Sein Chef sagt: „Was haben Sie denn da am Freitag an den Kunden Bauer herausgeschickt? Das war unter unserem Standart! Bitte korrigieren sie das schnellstmöglich!“

Rein sachlich könnte Herr Müller denken: „Hmm, stimmt. Freitag wollte ich wirklich nur schnell in den Feierabend und habe mir keine Zeit mehr für einen Kontrolldurchgang genommen. Da habe ich dann vermutlich tatsächlich etwas übersehen. Und der Chef scheint ziemlich gestresst zu sein, weil er Angst hat, den Kunden zu verlieren.“ Das würde er vielleicht als 48 jähriger, gestanden Mann denken.

Tatsächlich sackt er Müller aber in sich zusammen. Er fühlt sich wie ein Schuljunge, der an der Tafel steht und die Aufgabe falsch gelöst hat. Erst fühlt er einen Kloß im Hals und dann wird er wütend. So eine Unverschämtheit, wie der Chef ihn behandelt!

Er stapft aus dem Büro und steht erst einmal völlig neben sich. An ein nüchternes Prüfen ist jetzt erst einmal nicht zu denken. Vielleicht antwortet er noch mürrisch auf eine Kollegin. Innerlich kocht er und malt sich Szenarien aus, wie er das nächste Mal auf so eine Aufforderung des Chefs reagieren würde.. Der Morgen ist im Eimer.

Warum reagieren wir so intensiv?

Manchmal erleben wir als Kinder, Jugendliche oder Erwachsene etwas, was uns überfordert und vielleicht sogar verletzt. Wenn wir dann im Nachgang Unterstützung haben, dieses Erlebnis zu verarbeiten ist alles gut. Als Kind werden wir vielleicht verstanden, getröstet und gehalten. Als Jugendliche bespricht jemand die verletzende Situation mit uns und wir gehen gestärkt daraus hervor. Oder als Erwachsene können wir vielleicht selber reflektieren, was schief gelaufen ist und wie wir in Zukunft erfolgreich damit umgehen können.

Was passiert aber, wenn wir Überforderung oder Verletzung erleben und damit alleine bleiben und nicht wissen, wie wir damit umgehen können?

Kommen wir zu Herrn Müller zurück.

Herr Müller war naheliegenderweise tatsächlich einst ein Schuljunge. Und er hatte tatsächlich einen Lehrer, der Schüler, die Fehler an der Tafel machten, abwertete und beschämte. Herr Müller – damals Paul – wäre am liebsten im Erdboden versunken. Und seinen Eltern konnte er davon wirklich nichts erzählen. Da würde er nur noch mehr Ärger bekommen. Er fühlt sich traurig und beschämt. Und obwohl er sich wirklich Mühe gibt, manchmal versteht er Mathe manchmal einfach nicht. Er fühlt sich hilflos, weil er nicht weiß, wie er so eine beschämende Situation verhindern könnte.

Wenn wir eine überfordernde oder verletzende nicht auflösen können, schieben wir diese Erfahrung innerlich weg. Paul will quasi mit dem hilflosen, versagenden Paul innerlich nichts zu tun haben. Das tut nur weh. Er will cool und mutig und unverletzlich sein. Er zeigt seine mutige Seite, bleibt cool, wenn der Lehrer ihn beleidigt und schiebt die negative Emotionalität wie ein Kellerkind seiner Seele von sich weg.

Wegschieben ist nur leider kein Wegzaubern

Die unverarbeitete Verletzung und die damit verbundenen Emotionen bleiben so aber in ihm gespeichert.

Und wenn Herr Müller mit einer Situation konfrontiert wird, die ihn an die unverarbeitete Situation erinnert, wallen die Emotionen wieder hoch.

Was können wir tun, wenn alte Emotionen uns zu überrollen scheinen?

#1 Sich selbst liebevoll „erwischen“

Das wichtigste ist: Lernen mitzubekommen, wenn es passiert. Von außen ist das einfach zu sehen: Die schreiende Chefin, der beleidigte Kollege, die verstummte Praktikantin… Da sehen wir doch sofort, wenn die nicht nur auf die aktuelle Situation reagieren.

Aber woran können wir das bei uns selbst bemerken?

Anzeichen, dass gerade ein „Kellerkind“ das Steuer übernimmt können sein:

  • Das Gefühl zu Schrumpfen
  • uns plötzlich hilflos, wütend, außer uns, tief traurig oder verletzt fühlen
  • den dringenden Impuls haben zu schreien, wegzulaufen, anzugreifen, zu verletzen, uns innerlich „aus“-stellen zu wollen …
  • Den Impuls uns zu betäuben, -sei es mit der Zigarette, dem Kaffee, den schönen Impulskarten, der Schokolade,…
  • Das Gefühl haben, nicht mehr „ganz da“ zu sein, über uns zu schweben, uns nicht richtig zu spüren

Und wenn wir es bemerkt haben, was dann?

#2 Das Erwachsenenbewusst zurückgewinnen und das System stabilisieren

Wenn wir diese „Übernahme“ bemerken, können wir innerlich:

1. Stoppen (und tief Einatmen): wahrnehmen, dass wir unser erwachsenes Hauptbewußtsein brauchen, damit es sich um uns kümmert und das erwachsene Hauptbewusstsein wieder aktivieren

2. Uns fragen, -was hilft uns jetzt, mit dieser intensiven Emotionalität, diesen intensiven Handlungsimpulsen umzugehen?

Um unser Nervensystem und auch unser Bewusstsein aus diesem Schreck- oder Triggerzustand zu holen, können wir verschiedenes tun. Hier sind ein paar Beispiele, die auch im Büroalltag funktionieren:

Aktiv sein:

  • Bewegen mit Ortswechsel: Tee holen, den Raum wechseln, um den Block gehen, Kopierpapier aus der anderen Abteilung holen,…
  • In den Waschraum gehen und dort, wenn wir halbwegs ungestört sind: warmes Wasser in den Mund nehmen und das Gesicht kalt abspülen
  • Auf der Toilette einschließen und bei starker Wut oder starken Emotionen kontrolliert schütteln oder hüpfen, -erst einmal gezielt das Adrenalin abbauen, um wieder klar denken zu können
  • „Sport“: Die Mittagspause früher anfangen und zum Beispiel eine schnelle Runde im Park um die Ecke gehen
  • Nur für das Homeoffice geeignet: Tönen, Singen, Summen 

Uns Halt geben, uns beruhigen:

  • Bauchatmung gleichmässig lange ein und aus. Wenn wir etwas länger aus- als Einatmen funktioniert es noch besser. Aber schon 3 tiefe ruhige Atemzüge wirken schon oft Wunder, um wieder zu Bewusstsein zu kommen. 
  • Eine beruhigende playlist mit Musik und/oder Tönen hören, die uns vermittelt: Es ist okay. Dieser Schmerz wird vorüber gehen. Wir werden einen Weg finden, gut damit umzugehen. Die Welt wird nicht auseinander brechen. Alles wird wieder gut werden.
    Beispiele dafür können sein: Entspannende Musik, Regentropfen, das Umrühren von Nudeln, Feuergeräusche, eine tickende Uhr (wie bei Großmutter), Entengeräusche, … 
    Ggf. Können wir das im Büro über Kopfhörer hören
  • Uns im eigenen Büro oder der Stellkammer einschließen oder in den Waschraum gehen, um ein paar Minuten ungestört zu sein. Dort können wir z.B.:
    • unsere Gelenke, unsere Arme, unsere Füße mit Druck halten
    • uns  selber feste umarmen oder (im Homeoffice vielleicht) feste umarmen lassen
    • Selber Hände auf Nacken und Herz (oder Stirn) legen 

Wenn wir uns sehr emotional und sehr klein fühlen, hilft:

  • Knie umarmen und vor und zurück Schwingen (das natürlich nur mit abgeschlossener Tür oder im Homeoffice)

Mental kann helfen:

  • Die simple Frage: Wie wichtig wird mir dieses Ereignis in 5 Jahren sein?
  • Orientierung: Was nehme ich gerade wahr? Was sehe ich? Was fühle ich? Was höre ich? Wo bin ich? Welchen Tag haben wir heute? Was ist mir als erwachsene Person wichtig?
  • Ärger oder Stresstskala:
    Wie stark empfinde ich den aktuellen Stress auf einer Skala von 1-10?
    Wie wichtig auf einer Skala von 1-10 wird dieses Thema in einem Jahr für mich sein? -> Hilft Abstand zu gewinnen.
  • Lachen – Witze, Kabarett, Trailer von lustigen Filmen… Der Körper kann nicht Stress und Entspannung gleichzeitig empfinden. Hier helfen Kopfhörer und YouTube bzw. Odysee

#3 Was tun wir, wenn wir unseren erwachsenen Verstand wiedergewonnen haben?

Wenn das Hauptbewusstsein wieder als Hauptbewusstsein aktiviert ist, können wir -sofern möglich- präsent mit dem verletzten Anteil sein. Präsenz ist oft schon der heilsamste Schritt. Einfach mit und für den Anteil im Schmerz da sein.

Herr Müller könnte sich als 48 jähriger vorstellen, wie er den kleinen Paul ernst nimmt: Seine Angst zu Versagen und seinen Schmerz, verletzt worden zu sein. Wie er ihn emphatisch wahrnimmt, so wie er ein normales, „äußeres“ Kind wahrnehmen und trösten würde. Er könnte ihm sagen: „Jedes Kind in Deiner Situation hätte sich so erniedrigt gefühlt wie du. Und du musst nie wieder zu diesem gemeinen Mathelehrer. Und das nächste Mal werde ich als Erwachsener auf so eine Situation mit dem Chef reagieren. Dafür brauchst du gar nicht zuständig sein.“

Manchmal wirkt das schon Wunder. Nachhaltiges, liebevolles Auflösen braucht bei den meisten Menschen dennoch ein individuelles Coaching. Aber die gute Nachricht ist: Es braucht keine jahrelange Psychoanalyse! Kellerkinder, die auf die richtige Weise befreit oder einfach gesehen werden, wollen üblicherweise sehr schnell einfach endlich spielen gehen… und sind froh, diese überfordernden Situation wieder endgültig in die Verantwortung des Erwachsenen zu geben!

Und: Wenn sich Kellerkinder zeigen – auch wenn es üblicherweise in den unpassendsten Situationen ist – gibt es Kraft, Energie und Potenziale in uns frei zu setzen!

Mit der Integration von Kellerkindern kommen auch Fähigkeiten wie Entspannungsfähigkeit, Kreativität, Leichtigkeit, Humor, Spielen können, Necken, Genialität und positive Frechheit zurück!

Als erste Hilfe empfehle ich:

Da wir dann, wenn wir „Schrumpfen“ eben nicht mehr gut logisch denken können hilft Vorbereitung. Wir können uns die Liste der Möglichkeiten auszudrucken und für den Ernstfall bereitlegen.

Sinnvoll ist es auch, die Methoden in entspanntem Zustand schon auszuprobieren, die playlist anzulegen, vielleicht sogar 2-3 lustige Videos zu bookmarken.

Und wenn der Ernstfall dann eintritt, ist es viel leichter, unseren erwachsenen Verstand zurück zu gewinnen, als Dinge zu sagen oder zu tun, die wir vielleicht später bereuen würden…

Viel Erfolg!
Linda

Buch: Konflikte führen*

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